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IdŸ do treœci

Polen

Europa/Niemcy/Polska

Im Wilden Osten?

Peter Stahn

Als ich 2002 das erste Mal nach Polen kam, konnte man noch in gewisser Weise vom Wilden Osten sprechen. Es war praktisch das zweite Mal, dass ich hinter dem ehemaligen eisernen Vorhang war. Das erste Mal war ich kurz nach 1989 im Osten von Deutschland und konnte die damals noch nicht blühenden Landschaften genießen. Mehr als 10 Jahre danach hatte ich eine sehr diffuse Vorstellung davon, was mich in Polen erwarten würde. Ich war mental auf "Survival" vorbereitet. Heute kann ich garnicht mehr sagen, ob es Enttäuschung oder Erleichterung war, als ich in Warschau ankommend feststellte: hier gibt es ja alles und so viel anders, wie in Westeuropa, ist es hier auch nicht.

Aus den ursprünglichen 2 Monaten sind jetzt bald 10 Jahre geworden. Und ich konnte den erstaunlichen, ja rasanten Wandel der Anpassung erleben. Anpassung an Standards, an Livestyle, an "making Business" , oder im Bereich Freizeit.

Der Pole an sich, oder auch die ganze Nation, ist selbstbewusster geworden. In meinen Anfängen führte ich mehrfach die gleichen Gespräche. Ob beim Friseur, beim Optiker oder im Taxi. Sobald klar war, dass ich Ausländer war, Deutscher, bekam ich immer die gleichen Fragen: wie es mir denn in Polen so gefiele? Wie ich denn so mit den Straßen, den Häusern zufrieden wäre? In Deutschland wäre alles so modern, so neu, so sauber, so aufgeräumt.

Nun muß man wissen, dass es vielen westdeutschen Kommunen schon Mitte der 90er längst nicht mehr blendend ging. Das heißt, dass so langsam aber sicher die so schönen Straßen nicht mehr richtig repariert wurden. Auch in Köln oder im Ruhrgebiet gab es nach einem Winter große Schlaglöcher, Risse im Asphalt. Kanalisation und Leitungen wurden nur notdürftig in Stand gehalten. Und viele Polen kannten von Deutschland nur den Osten. Den schönen, von Helmut Kohl modernisierten Osten. Mit prächtigen Straßen, Glasfaserkabelnetzen und aufwändig sanierten Altstädten.

Meine Antwort lautete dann also auch mehr oder weniger gleich. Ich versuchte meine Gesprächspartner zu beruhigen. Erstens, dass ich gerne in Polen war und es mir hier an nichts mangelte. Wenigstens nicht meh,r als zum Beispiel einem Bayern in Hamburg. Siehe Biergärten, Literkrüge und so einiges andere. Zweitens versuchte ich Ihnen ein Bild zu malen. Ein Bild vom Norden Schottlands, Zentralfrankreich oder Süditalien. Das sind Gegenden, und nicht nur diese, die teilweise heute noch so aussehen wie vor 50 Jahren. Von daher hat Polen weder von der Wirtschaftsleistung, noch von der Infrastruktur die rote Laterne in Europa. Und es ist müßig anzunehmen, ein Land könne sich in 20 Jahren dermaßen umkrempeln, schneller, als es die EU - Gründerstaaten taten.

Also bitte liebe Polen, keine Panik, keine übertriebene Hektik mit der Verwestlichung eurer Nation. Es reicht doch, dass McDonald´s , H&M und Lidl hier ist. Notgedrungen. Nicht alles, was aus dem Westen kommt muß bedingungslos adaptiert werden.

Es war also 2002 und ich kam in ein Land, was die ungeschriebene Regel hatte: "anything goes" ! Alles war Verhandlungssache. Selbst Behördengänge liefen nicht ohne Diskussionen ab. Klare Regeln oder Gesetze standen zur Disposition und damit waren Baugenehmigungen genauso gemeint, wie Steuererklärungen oder Polizeiprotokollen. Was am Anfang noch vollkommen unmöglich war, löste sich nach intensiven Gesprächen in Wohlgefallen auf. Unerfindliche Strafen für Gesetzesübertretungen, die ein Beamter glaubte festlegen zu müssen, reduzierten sich häufig auf 10% des Ursprungswertes.

Das Ganze war natürlich in der freien Wirtschaft exponentiell höher. Im ersten Aufschlag führte das dazu, das jedes Angebot, welches ich für eine Ware oder Dienstleistung einholte, mindestens 2 - 3 fach überteuert war. Nur hartnäckiges Verhandeln und Aussortieren von unverbesserlichen schwarzen Schafen, rettete mir damals mein Budget.

Die meiste Zeit verlor ich in Banken. Das war neu für mich. Seit etlichen Jahren an electronic banking gewöhnt, wußte ich schon garnicht mehr, wie eine Bank von Innen aussieht. Jetzt war es notwendig, selbst kleinste Transaktionen mit Hilfe von Papier, Stift und Anstellen am Bankschalter zu tätigen. Wie viele Male brachte ich die ganze Belegschaft in unserer Hausbank in helle Aufregung, weil ich auf Ausführung meiner Aufträge pochte. Das ging nämlich nicht, weil ich das eine oder andere Mal meinen Ausweis, meinen Handelsregisterauszug, meinen ursprünglichen Kontoeröffnungsantrag oder irgendein anderes Dokument nicht parat hatte.

Zu dieser Zeit gab es auch so etwas wie eine Krise in Polen. Noch nicht Mitglied in der EU, war das Land größtenteils auf sich allein gestellt. Und man konnte das überall beobachten. Es gab kaum Staus auf den Straßen, die Geschäfte waren nur mäßig besucht, und die Restaurants und Pubs waren nahezu wie ausgestorben. Verinnerlicht hatten das allerdings die Kellner noch nicht. Wann immer ich ein etwas besseres Lokal betrat, bekam ich die lang einstudierte Frage zu hören: "Hatten Sie reserviert"? Worauf ich dann, auf die leeren Tische zeigend, nur meinte: "Leider nein, ist das jetzt ein Problem, wo hier so viel los ist" ? Noch interessanter war in der Folge für mich festzustellen, dass keines der Restaurants seine Pforten schließen mußte. Ich fragte mich ein ums andere Mal, wie es denn sein könne, dass ein Inhaber monatelang kaum Umsatz macht und dennoch die weiterlaufenden Kosten stemmen konnte.

Und hier erfuhr ich ein Stereotyp, eines von vielen, welches mir im Laufe der Jahre begegnen sollte. Als ich nämlich das eine oder andere mal bei meinen Tischnachbarn die offensichtliche Leere kommentierte, hörte ich immer nur im Flüsterton: "Mafia" ! Wie bitte? Und so erfuhr ich, dass jede Art von wirtschaftlichem Erfolg immer mit der Verwendung von Schwarzgeldern, generiert durch mafiöse Aktivitäten, erklärt wurde.

Seit dem 1.Mai 2004 ist Polen nun Mitglied in der Europäischen Union und befindet sich quasi auf der Überholspur. Nicht zuletzt durch reichlich Gelder aus Brüssel konnten viele Infrastrukturprojekte in Angriff genommen werden. Gerade der Straßenbau hinkte lange Zeit hinterher und war ein echtes Übel. Viele Ortsumgehungen wurden seitdem gebaut, so wie auch Fernstraßen. Das "anything goes" ist aus den Amtsstuben verschwunden. Nicht zuletzt die europäische Verwaltung hat dafür gesorgt, dass in weiten Bereichen klare Regeln und Gesetze etabliert wurden, die es dem Bürger einfacher machen, sich zurecht zu finden. Dunkle vergitterte Schalter mit schmalen Durchreichen sind hellen freundlichen Kundenhallen gewichen.

Polen ist im Jahr 2012 in Europa angekommen, 22 Jahre nach den ersten freien Wahlen nach Ende des 2. Weltkrieges. Und 20 Jahre nach der offiziellen Auflösung der Sowjetunion. Es gibt keinen Grund mehr, sich zu verstecken oder gar Minderwertigkeitskomplexe zu pflegen.

Irgendwie kommt es einem vor, dass Polen ein Land in Europa ist, wie alle anderen auch. Das kann man nun gut finden - oder eben auch nicht.


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